Bei unserem Besuch im KinderKunstLabor am 25. März 2026 haben wir das sehr spannende Gespräch mit Evi Leutgeb anhand der Fragen, die wir im Rahmen des Dialoges immer stellen, zusammengefasst.
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forum: Was waren die Beweggründe für die Wahl des Studiums?
Evi Leutgeb: Ich wollte von klein auf künstlerisch arbeiten; ich hatte als Kind schon ein Bild von meinem eigenen Atelier gezeichnet, das jetzt in meinem Atelier hängt. Mit 14 bin ich an die Fachschule für Bildhauerei in Hallein gegangen, das hat meinen Wunsch weiter gefestigt. Eltern und Umfeld haben das ermöglicht und unterstützt, auch wenn die Sorge um die berufliche Zukunft natürlich mitschwang.
forum: Wie ist es dir während dem Studium gegangen, was war fein, was eher nicht?
Evi Leutgeb: Als besonders positiv habe ich die Nähe und Präsenz der Lehrenden und das bodenständige Klima in Linz erlebt – weniger „Name-Dropping“, mehr tatsächliche Arbeit und Austausch, das hat mir sehr gutgetan. Meine Professorin Renate Herter war hier sicherlich eine wichtige Mentorin für meine künstlerische Entwicklung. Sie war immer an der Uni und hat sich sehr um uns Studierende bemüht. Gleichzeitig war klar, dass Linz weniger direkte Anbindung an den großen Kunstmarkt hat. Wichtig finde ich war, dass ich schon während des Studiums in die Vermittlung hineingefunden habe – ein Workshop im Medienkulturhaus Wels hat den Anstoß gegeben, daraus wurde später ein fixer beruflicher Strang.
forum: Wie waren die Zeit und Entwicklung kurz nach dem Studium?
Evi Leutgeb: Der Übergang war ein Bruch – dieser erste Oktober ohne Uni war ein spürbarer Einschnitt, plötzlich mit Diplom, aber ohne klare Anstellung in Sicht. Alle Netzwerke sind auf einen Schlag weg, die regelmäßigen Treffen mit den StudienkollegInnen, kein Zugang mehr zu den Werkstätten und überhaut der verlorene Status als Studentin verunsicherten mich für kurze Zeit. Trotz der ökonomischen Unsicherheit war aber auch das Gefühl da, mir Wege selbst bahnen zu können. Ich habe mir den Lebensunterhalt zunächst mit verschiedenen Jobs verdient und rasch die Selbstständigkeit aufgebaut, mit mehreren Standbeinen, bevor sich die Vermittlung und meine eigene künstlerische Praxis stärker verfestigt haben. Auch war ich in dieser Zeit Teilnehmerin des AMS Gründer:innenserviceprogramms.
forum: Deine Schwerpunkte in der jetzigen Arbeit – woran arbeitest du heute?
Evi Leutgeb: Ich entwickle mit und leite Vermittlungsprogramme im KinderKunstLabor für zeitgenössische Kunst in St. Pölten. Das KinderKunstLabor wurde 2024 eröffnet. Die Idee dazu ist aus dem nicht erfolgreichen Bewerbungsverfahren für die europäische Kulturhauptstadt entstanden und wird von der Stadt St.Pölten und dem Land NÖ zu gleichen Teilen getragen.
Wir zeigen pro Jahr 2 Ausstellungen. Sie werden von der künstlerischen Leiterin mit Künstler:innen und gemeinsam mit Kindern in Beiratsgruppen vorbereitet. Das ist ein partizipativer Prozess von der Idee bis zur Präsentation. Dazu gehören Einarbeitungen und Qualitätsentwicklung im Team – wir definieren, wie Vermittlung im Haus verstanden und umgesetzt wird, und sichern Standards in der Arbeit mit Gruppen.
Im zweiten Stock des Gebäudes bieten wir auf einer ganzen Ebene in künstlerischen Laboren, Workshops und offene Werkstätten an.
Das Haus versteht sich als Institution, wo zeitgenössische Kunst „für und mit Kindern“ entwickelt und erfahrbar wird, ist aber für Menschen aller Generationen zugänglich und offen. Innerhalb dieser Arbeit bewege ich mich im Spannungsfeld aus fix angestellten und freien Kolleg:innen, mit der Verantwortlichkeit für Honorare, inhaltliche und organisatorische Einarbeitung, sowie Teamleitung – das erfordert viel Koordination und oft spontanes Einspringen.
forum: Wie gestaltest du deinen Arbeitsalltag, wenn mehrere Jobs – Brotjob und Kunst – zusammenkommen?
Evi Leutgeb: Über Jahre habe ich parallele Rollen getragen: Künstlerin, Kulturvermittlerin, Waldpädagogin – das hieß täglich neu priorisieren und klar zwischen Aufträgen und Verantwortungen wechseln. Ich habe ein sehr breites Portfolio, manchmal war es herausfordernd den Überblick nicht zu verlieren. Auch hatte ich im Rahmen meiner Vermittlungstätigkeit einen Verein gegründet und geleitet. Inzwischen habe ich gelernt, Grenzen zu setzen: weniger Vereins- und Nebenengagements, mehr Fokus auf die eigene künstlerische Arbeit und auf die Familie, um nicht die eigenen Grenzen ständig zu überschreiten. Mit einem 40-Stunden-Job und Familie bedeutet das, bewusst Zeitfenster fürs Atelier zu schaffen und die eigenen Ressourcen realistisch zu managen.
forum: Welche Ziele und Erwartungen hast du für die Zukunft?
Evi Leutgeb: Ich will trotz der erfüllenden Arbeit im KinderKunstLabor die eigene künstlerische Praxis kontinuierlich weiterverfolgen und vertiefen, mich gezielt bei Open Calls oder Residencies bewerben und nur dort ausstellen, wo der Kontext Sinn macht – nicht mehr dieses permanente „Streben um jeden Preis“ und jedem Zuruf folgen. Residencies haben sich für mich als ein zentrales Entwicklungsformat, auch jenseits formaler Programme herauskristallisiert. Da oft die Rahmenbedingungen dafür nicht passen, (Altersgrenze, zu viele Bewerbungen für wenig Plätze…) initiiere ich inzwischen auch eigene Artist Residencies mit Kolleg:innen, um Netzwerke und Austausch zu schaffen und arbeitsintensive Phasen zu ermöglichen. Gleichzeitig möchte ich bewusste Familienzeit sichern und das Gleichgewicht zwischen allem auch, für mich stimmig, halten.
forum: Wie zufriedenstellend ist deine momentane Situation?
Evi Leutgeb: Ich bin gelassener geworden. Ich anerkenne, was gelungen ist, und muss nicht jeder Szene-Erwartung entsprechen; ein eigenes Atelier als verlässlicher Ort hat viel zur Stabilisierung beigetragen. Das ist der Raum, in dem ich fokussiert meine Arbeit entwickeln kann. Kunst ist für mich positiv besetzt – ich achte darauf, dass sie mich nicht in einen existenziellen Energieverschleiß bringt, sondern dass ich klare Linien inhaltlich und organisatorisch halte. Natürlich bleibt die Ambivalenz zwischen dem Wunsch der Sichtbarkeit am und einer gewissen Distanz zum hektischen und oft oberflächlichen „Kunstmarkt“, aber ich gestalte und lenke diese Balance mittlerweile aktiver.
forum: Employability rückblickend: Wie bereitet das Studium an der Kunstuni auf den Arbeitsmarkt vor?
Evi Leutgeb: Ehrlich gesagt, zu meiner Zeit: gar nicht. Künstlerische Praxis und Betreuung waren stark, aber für Selbstständigkeit, Akquise, Finanzen und Marktlogiken gab es wenig bis gar keine Vorbereitung. Ich hätte mir eine klare, praxisnahe Lehrveranstaltung gewünscht, die dich auf eine selbständige Tätigkeit vorbereitet – das sind Perspektiven, so funktioniert der Kunstmarkt/die Galerienszene, so kalkulierst du, so bleibst du wirtschaftlich handlungsfähig“. Ich hatte daher als Studienrichtungsvertreterin und ÖH-Mitarbeiterin mit einer Linzer Künstlerin selbst eine Vorlesung zu diesem Thema aufgebaut und durchgeführt. Trotzdem musste ich mir später dazu noch viel Wissen in der Praxis aneignen und aufbauen.
forum: Dein Rat an aktuelle oder künftige Studierende an der Kunstuni?
Evi Leutgeb: Baut Netzwerke aktiv und teilt Informationen – meidet Konkurrenzspiralen und schafft euch auch selbst Chancen, indem ihr Kooperationen und Residencies initiiert, statt nur auf Programme zu warten. Schärft euren Fokus: Bündelt Portfolios und bleibt länger an Projekten dran, damit der eigene künstlerische Arbeitsansatz erkennbar wird. Seid realistisch über Standortfaktoren: Linz bietet gute Betreuung, persönliche Bindungen und Bodenhaftung, aber weniger Galeriensichtbarkeit – plant entsprechend Austausch und Mobilität. Und managt eure Energie: Setzt Prioritäten zwischen Kunst, Job und Familie, damit ihr langfristig arbeiten könnt. Trotz Prekarität: Dranbleiben – es gibt Nischen und Wege, und Umwege über Jobs oder Vermittlung können Kompetenzen stärken und Stabilität geben.
Details zur Veranstaltung: kunstuni-linz.at/Archiv