Co.Lab Beta Now ist ein Labor für künstlerische Forschung an der Kunstuniversität Linz. Sein Gegenstand ist das Bild. Nicht das fertige Bild, das vorliegt und betrachtet wird, sondern das Bild als ein Vorgang: als etwas, das gemacht, gelesen und vollzogen wird und sich dabei verändert.
Solche Bilder entstehen in Situationen, in denen Sprache, Klang, Körper, Raum und zunehmend auch maschinelle Systeme ineinandergreifen. Beta Now fragt, welche performativen Prinzipien in diesen Situationen wirksam sind: nach welcher Logik ein Bild entsteht, sich verändert, wirkt — und was der Vorgang, durch den etwas zum Bild wird, mit denen macht, die daran beteiligt sind. Ein Beispiel aus der Reihe: Ein Mensch spricht, eine Maschine hört zu — und gibt am Ende eine Quittung über das Gehörte aus: die Analyse der eigenen Worte, gedruckt im Format eines Kassazettels.
Forschung durch das Bild, nicht über das Bild
Das Labor arbeitet nicht über das Bild, sondern durch das Bild. Die Erkenntnisform des Co.Lab ist das Projekt: Jede der in der Beta Now Serie dokumentierten Arbeiten ist eine Art von Versuchsaufbau – eine Konstellation aus Raum, Apparat, Publikum und Situation, in der sich eine Frage nicht diskursiv beantworten, sondern erfahren und beobachten lässt. Was in der Designforschung als research through design beschrieben wird – Erkenntnisgewinn durch das Entwerfen und Erproben von Artefakten selbst –, praktiziert Beta Now als künstlerische Forschung: ein Denken aus der Gestaltung, das die Frage nach dem Bild nicht beschreibt, sondern gestaltend stellt. Bild, Installation, Aufführung oder Artefakt sind nicht Ergebnis einer Forschung, sondern ihr Gegenstand. Die Projekte erhalten eine fortlaufende Nummerierung, die weniger als eine Chronik, sondern vielmehr als „Versuchsreihe“ verstanden werden kann.
Von Projekt zu Projekt
Über die einzelnen Projekte hinweg – Beta Now entwickelt derzeit die Projekte 010 und 011 – ist der Gegenstand der Untersuchung jedes Mal ein Stück weitergewandert. Die frühen Projekte erkunden das Bild als handelndes Element: als öffentliche Intervention (001), als Verleihung von Handlungsfähigkeit an einen Stoff wie Wasser (002), als zeitliches Ereignis, das sich wie Musik verhält (003, 004, 005), als räumliche Übersetzung von Text (006). Hier steht die Performativität des Bildes selbst im Zentrum — seine Fähigkeit, in Echtzeit zu agieren, zu klingen, einen Raum zu verändern. Gestalten wird dabei zu einem Akt des gemeinsamen, improvisierenden Tuns — ein Spielen wie beim Musizieren, aus dem jedoch nicht Töne, sondern Bilder hervorgehen.
Mit „Splitting Image“ (007) verschiebt sich der Fokus auf die Performativität des Bildermachens: auf den Akt, in dem eine flüchtige, gesprochene, im Moment vergehende Situation aufgefangen und in eine feste, materielle, archivierbare Form überführt wird. Dass diese Übersetzung – zuhören, deuten, festhalten – nun von einer Maschine vollzogen wird, verändert ihre Bedeutung grundlegend. „Hören Sagen“ (008) spitzt dies zu: Die Dokumentation wird zur Analyse, das Souvenir zur Quittung, die freundliche Geste des Festhaltens zeigt ihre Rückseite — Asymmetrie, Datensammlung, stille Ermächtigung einer Technologie, der wir vertrauen, ohne sie genau zu verstehen.
Das Projekt „Auseinandersetzung“ (009) legt schließlich das allen Beta Now Arbeiten zugrundeliegende Prinzip frei: Das anamorphe Bild existiert nur von einem bestimmten Standpunkt aus – es wird von der betrachtenden Person vollzogen, nicht von ihr vorgefunden. Diese Performativität des Betrachtens führt weiter zu potentiellen zukünftigen Projekten, die die Beziehung zwischen dem Menschen und den Bildern selbst zum Gegenstand machen.
Der Kern: die Transformation
Der Kern der Forschung von Beta Now liegt damit in der Transformation selbst: im Übergang vom Ephemeren zum Materiellen, vom Gesprochenen zum Gedruckten, vom Vorgang zur Form — und in der Frage, wer diesen Übergang vollzieht, unter welchen Bedingungen, und mit welchen Folgen für die Beteiligten. Der Einsatz künstlicher Intelligenz ab Beta Now 007 bedeutet keinen Themenwechsel, sondern eine weitere Technologie im selben Versuch.
KI ist das vorerst jüngste Werkzeug, das wir nutzen, um zu beobachten, wie sich das Bildermachen verschiebt, wenn der Mensch durch eine Black Box ersetzt wird, durch ein Modell.
Der Name des Labors benennt seine Haltung. Beta: unfertig, iterativ, im Test. Now: in Echtzeit, im Moment, in der Gegenwart einer Technologie, die sich schneller verändert, als unsere Begriffe für sie. Aktuell wird an einer Publikation gearbeitet, in der die bestehende Versuchsreihe dokumentiert wird als offenes Archiv einer Forschung, die in Bewegung bleibt.
Als Co.Lab ist Beta Now bewusst zwischen den Disziplinen angesiedelt und keiner einzelnen zugeordnet. Es sucht den Austausch mit Forschungspartner*innen und lädt Studierende, Künstler*innen und Wissenschaftler*innen ein, an den „Experimenten“ mitzuwirken und die Frage nach dem performativen Bild weiterzutreiben.
Der Titel Scenes of Science geht auf Beta Now 002 zurück und ist zum Namen für die gesamte Projektreihe geworden. Er fasst „Wissenschaft“ bewusst weit und inkludiert die Kultur-, Design- und Kunstwissenschaften — und benennt, worum es dem Co.Lab geht: für wissenschaftliche Inhalte performative Formen der Kommunikation zu entwickeln und im Ausstellungsraum oder bei Aufführungen zu erproben. Jedes der folgenden Projekte setzt diese Ansätze auf eigene Weise in die Praxis um.
Beta Now 009: Auseinandersetzung (2026)
Das Projekt „Auseinandersetzung“ zeigt die stark vergrößerten Silhouetten zweier Stühle aus der Sammlung Spalt, fallend durch die Lichthöfe der Kunstuniversität Linz. Erst aus einem bestimmten Blickpunkt im vierten Stock fügen sich die sonst fragmentierten Markierungen zum Bild. Die beiden Stühle tragen einen historischen Konflikt: Josef Franks Fauteuil (1929) steht für die österreichische Moderne vor dem Nationalsozialismus, aus der Frank als jüdischer Architekt vertrieben wurde; Johannes Spalts Murauer Sessel (1994) für das Nachkriegsbemühen, an diese wieder anzuknüpfen — beide platziert im Gebäude Hauptplatz 8, das geplant war als Teil des Ausbaus von Linz zur „Führerstadt“. So verbindet „Auseinandersetzung“ die politische Dimension von Gestaltung mit dem Grundprinzip der Reihe: dass ein Bild erst durch die Position der Betrachter*in entsteht.
Beta Now 008: Hören Sagen (2026)
„Hören Sagen“ ist eine Weiterentwicklung von „Splitting Image“ (Beta Now 007). Zuvor hörte eine KI zu und produzierte Bilder. In diesem Projekt rückt in den Vordergrund, dass eine künstliche Intelligenz zuhört und dem Gesagten eine Form gibt. Sie analysiert nicht nur die Stimmung des Textes, sondern auch die sprechende Person nach psychologischen Gesichtspunkten. Am Ende erhielten die Specher*innen ihre Analyse in Form eines Kassazettels — einer Quittung für die abgegebenen Daten. Hören Sagen wurde bei der Langen Nacht der Forschung 2026 in Linz gezeigt.
Beta Now 007: Splitting Image (2025)
„Splitting Image“ ist ein experimentelles Live-Visualisierungssystem, das gesprochene Diskurse in Echtzeit in Bilder übersetzt. Während eines Vortrags hört ein Large Language Model zu, erkennt thematische Cluster und übersetzt sie durch drei unterschiedliche „Persönlichkeiten“ in Zeichnungen. Gemeinsam mit jenen Textzitaten, die als Prompt für die Zeichnungen dienten, wurden im Zwei-Minuten-Takt A5-Postkarten gedruckt, die das Publikum mitnehmen kann. Erstmals eingesetzt beim diskursiven Programm des Unsafe+Sounds Festivals 2025 in Wien.
Beta Now 005: Generative Circuits (2025)
Ein Workshop mit dem Gastkünstler Hugo Esquinca (Mexico City, 1990) über die Bruchstellen cross-modaler Systeme. Erkundet wurde, wie die Erzeugung visueller Muster als Methode digitaler Klangerzeugung eingesetzt werden kann — bis an die Grenzen der Lautsprecher — und wie umgekehrt das physische Verhalten der überlasteten Lautsprecher selbst wieder visuelle Muster hervorbringt.
Beta Now 006: Asche (2025)
Ausgehend von Elfriede Jelineks Text „Asche“ entwickelten Studierende der Kunstuniversität Linz visuelle Welten im Zusammenspiel mit Performance. In eigenen Rauminstallationen erprobten sie das Wechselspiel von Körper, Stimme, Text, Projektion und Raum. Der Kurs widmete sich experimentellen Strategien, literarisches Material in visuelle und räumliche Formen zu übersetzen. Die Ergebnisse wurden in einer Aufführung an der Universität gezeigt.
Beta Now 004: Opto (2024)
Die von der musikalischen Formation General Magic entwickelte Anwendung „Opto“ ermöglicht die Echtzeit-Transformation von live generierten visuellen Daten in elektronische Musik. Tina Frank präsentierte dieses System im März 2024 im Rahmen eines expanded cinema Events im Belvedere 21, Wien und im Rahmen einer Performance beim Speculative Sound Synthesis Symposium. Dazu erschien ein begleitender wissenschaftlicher Beitrag in den Proceedings.
Beta Now 003: In Medias Res (2024)
Im Frühjahr 2024 wurde eine interdisziplinäre Kollaboration zwischen Studierenden der Kunstuniversität Linz und der Universität für Musik und darstellende Kunst Wien unter der Leitung von Jorge Sanchez-Chiong und Tina Frank realisiert. Der Fokus lag auf der Entwicklung von Formaten, die musikalische und visuelle Improvisationen miteinander verbinden. Einige der entstandenen Werke, die sowohl analoge als auch digitale Techniken integrieren, um performative Bilder in Echtzeit mit musikalischen Elementen zu verknüpfen, wurden im Rahmen der BestOFF-Ausstellung 2024 der Kunstuniversität Linz erneut präsentiert.
Beta Now 002: Seeking the Being of Water (2023)
Im Sommer 2023 wurde am Standort des IFK Wien eine Summer School durchgeführt, die sich mit der Ontologie des Wassers beschäftigte. Der konzeptionelle Ansatz war, Wasser als eine Entität mit eigener Handlungsfähigkeit (Agency) zu betrachten. In einer Serie von „Scenes of Science“ integrierten die Teilnehmer*innen gesellschaftliche Diskurse und kulturwissenschaftliche Erkenntnisse in performative Ansätze. Die daraus resultierenden experimentellen Konfigurationen erzeugten durch das Zusammenspiel von Inhalt, Klang, Bewegung, Raum und Zeit neue Perspektiven auf die Wesenhaftigkeit des Wassers, die sowohl ästhetisch anspruchsvoll als auch reflexiv waren.
Beta Now 001: Performative Datenvisualisierung (2023)
Im Rahmen der 50-Jahr-Feier der Kunstuniversität Linz realisierte die Abteilung Visuelle Kommunikation eine Pop-Up-Ausstellung mit dem Titel „Radical Times“. Diese öffentliche Intervention am Hauptplatz Linz präsentierte eine multitemporale Perspektive auf die Stadt Linz und die Kunstuniversität selbst, die historische Ereignisse, aktuelle Statistiken und partizipativ entwickelte Zukunftsszenarien umfasste. Ein zentrales Element war die von der Künstlergruppe Data Vandals entwickelte Datenvisualisierung, die aktuelle und mögliche zukünftige Rollen von Design und Kunst durch performative Methoden im öffentlichen Raum erkundete.
Diese Projekte verkörpern den interdisziplinären und experimentellen Ansatz von Beta Now in der Erforschung von Schnittstellen zwischen Bild, Klang, Performativität und wissenschaftlicher Erkenntnis.