2025, Organza mit Polyamidgarn
Originalgröße bei beiden Arbeiten ca. 180 cm x 215 cm
Ein plastisches Pferdeskelett als textiles Objekt, ausgeführt als weiche Skulptur. Die Form besteht aus empfindlichem Two-Tone-Organza, dessen changierende Farbigkeit die fragile Struktur betont. Das zweidimensionale Pferdeskelett besteht aus einem Two-Tone-Organza, dessen Oberfläche mit Polyamidgarn bestickt wurde. Die Stickerei folgt den Linien des skelettalen Aufbaus und setzt gezielte Verdichtungen, die innere Strukturen sichtbar machen sollen.
Diese Arbeit beschäftigt sich mit der späten Diagnose von Autismus bei weiblich gelesenen Personen und wie textile Kunst helfen kann, dieses Thema sichtbar zu machen. Ausgangspunkt war die Beobachtung, dass Autismus bei Mädchen und Frauen oft übersehen wird. Ein wesentlicher Grund dafür ist das sogenannte Masking bzw. Camouflaging: Strategien, mit denen Betroffene ihre Schwierigkeiten verbergen und sich an gesellschaftliche Erwartungen anpassen. Sie lernen früh, Blickkontakt zu erzwingen, andere zu imitieren oder eine Rolle in der Gesellschaft anzunehmen. Dadurch erscheinen sie nach außen angepasst – und fallen durch das Raster der klassischen Diagnostik, die meist an männlichen Verhaltensmustern orientiert ist.
Warum also das Pferd? Zum einen, weil Pferde kulturell stark mit Weiblichkeit und Kindheit verbunden sind. Zum anderen, weil Sprache voller Pferde-Metaphern steckt, die oft von Kontrolle, Leistung oder Fehlern handeln. Redewendungen wie: „ein totes Pferd reiten“, „sich vergaloppieren“ oder „das Pferd von hinten aufzäumen“. Diese doppelte Symbolik wurde in der Arbeit aufgegriffen. Besonders wichtig war mir die Übertragung in eine textile Form. Dafür habe ich ein Pferdeskelett als Stickerei und als Kuscheltier aus transparentem Organza umgesetzt. Das Kuscheltier erinnert an Kindheit, Nähe und Geborgenheit und damit an die Lebensphase, in der autistische Merkmale zwar schon da sind, aber oft missverstanden bzw. übersehen werden. Die Präsentation meiner Arbeit folgt dem Prinzip „Practice as Research", also Forschung durch Praxis. So wollte ich sichtbar machen, dass Forschung nicht geradlinig verläuft, sondern von Umwegen und neuen Anfängen lebt, genauso wie Diagnoseprozesse bei Autismus
Am Ende verstehe ich meine Arbeit weniger als fertige Antwort, sondern als Impulsgebung. Das Skelett des Pferdes steht für Strukturen, die im Verborgenen liegen. Es macht sichtbar, was sonst unsichtbar bleibt: die späten Diagnosen, das Masking, die Unsicherheit und die verletzliche, aber auch starke Position vieler Frauen am Autismus-Spektrum. Damit möchte ich nicht nur auf ein Defizit hinweisen, sondern auch zu einer gerechteren Wahrnehmung beitragen. Kunst kann hier Brücken schlagen, zwischen Forschung, Gesellschaft und persönlichen Erfahrungen.
Betreuer: Sen. Art. DI Paul Iby BA