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Tiles & Tales

Anastasiya Saparava

"Tiles & Tales" © Anastasiya Saparava, 2024

„Tiles Tales“ ist ein partizipatives Projekt zum visuellen Geschichtenerzählen, das untersucht, wie abstrakte und symbolische Bilder genutzt werden können, um persönliche und universelle Erzählungen zu vermitteln. Das Projekt entstand aus einem sehr einfachen Ausgangspunkt heraus – einem blauen Kugelschreiber – und der Beobachtung, wie Menschen das Schreiben und Zeichnen als Mittel zur Vermittlung von Bedeutung nutzen. Dieser erste Impuls führte zu einer umfassenderen Untersuchung darüber, wie Menschen Erfahrungen durch Zeichen festhalten, übersetzen und teilen – von Buchstaben und Piktogrammen bis hin zu Emojis und digitalen Symbolen.

Im Mittelpunkt des Projekts steht ein semiotischer Forschungsprozess, der das menschliche Bestreben untersucht, das Leben durch symbolische Systeme darzustellen. Von antiken Hieroglyphen und religiöser Ikonografie bis hin zu volkstümlichen Motiven und zeitgenössischen Bildsprachen haben Menschen schon immer nach Wegen gesucht, komplexe Emotionen, Erinnerungen und Geschichten in erkennbare Formen zu verdichten. „Tiles Tales“ knüpft an diese lange Tradition an und interpretiert sie gleichzeitig für einen zeitgenössischen, partizipativen Kontext neu.

Das Projekt begann mit einer Forschungsphase, auf die die Erstellung einer Reihe vektorbasierter Symbole folgte. Diese wurden später in 26 handgeschnitzte Linolschnitt-Symbole umgesetzt, von denen jedes ein für das heutige Leben relevantes Konzept widerspiegelt. Die Symbole sind in fünf Gruppen unterteilt – geometrische, rotationsbasierte, naturbezogene, charakterbasierte und objektbasierte – und wurden so konzipiert, dass sie als modulares System fungieren. Dadurch lassen sie sich auf unzählige Arten neu anordnen, kombinieren und interpretieren. Eine weitere wichtige Motivation hinter dem Projekt war die Absicht, ein visuelles System zu schaffen, das sprach- und kulturübergreifend funktioniert. Tiles Tales wurde so konzipiert, dass es international zugänglich ist und Menschen sich damit auseinandersetzen können, ohne auf eine bestimmte gesprochene oder geschriebene Sprache angewiesen zu sein. Stattdessen entsteht Bedeutung durch gemeinsame Emotionen, persönliche Erfahrungen und intuitive Assoziationen, wodurch das Projekt für ein breites Publikum verständlich und nutzbar wird.

Den bedruckten Fliesen liegt eine Broschüre bei, in der die Interpretationsmöglichkeiten der einzelnen Symbole beschrieben werden, um die Betrachter dazu anzuregen, sich ihre eigenen Geschichten auszudenken, anstatt einer festgelegten Erzählung zu folgen. Alle Symbole wurden zudem in eine eigens entwickelte Schriftart digitalisiert, wodurch das Projekt in den digitalen Bereich erweitert wurde und das System nun in neuen Kontexten eingesetzt werden kann.

Im Rahmen der abschließenden Präsentation an der Universität waren die Besucher eingeladen, mithilfe der bedruckten Kacheln auf einer großen interaktiven Fläche ihre eigenen visuellen Erzählungen zusammenzustellen. Dieser praxisorientierte Ansatz unterstrich die zentrale Idee des Projekts, dass das Erzählen von Geschichten ein gemeinsamer Prozess ist und dass visuelle Elemente persönliche Interpretationen anregen können. Darüber hinaus wurde eine Sammlung roter Postkarten ausgestellt – kleine visuelle Geschichten, die von Studierenden mit unterschiedlichem kulturellen Hintergrund gestaltet wurden und intime Einblicke in individuelle Erfahrungen boten, die in symbolische Form übersetzt wurden

In künftigen Ausstellungen kann „Tiles Tales“ einen Linolschnitt-Workshop anbieten, bei dem die Teilnehmer aus den vorhandenen Fliesensymbolen auswählen, um ihre eigenen symbolischen Postkarten zu drucken. Diese Drucke basieren auf ihren persönlichen Geschichten und ermöglichen es ihnen, durch eine Kombination aus kuratierten Bildern und intuitiver Komposition Emotionen und Bedeutungen auszudrücken. Diese leicht zugängliche und haptische Aktivität lädt das Publikum dazu ein, sowohl Geschichtenerzähler als auch Gestalter zu werden und sich direkt mit der Bildsprache des Projekts auseinanderzusetzen.

Eine weitere mögliche Entwicklungsstufe des Projekts ist die Erstellung einer interaktiven Website, auf der Nutzer ihre Geschichten online unter Verwendung desselben Symbolsystems verfassen und teilen können. Dies würde „Tiles Tales“ in einen digitalen, vernetzten Raum ausweiten und so den interkulturellen Austausch sowie das kontinuierliche Wachstum des visuellen Archivs ermöglichen. „Tiles Tales“ schlägt eine Brücke zwischen analogem Handwerk und digitalen Werkzeugen, zwischen individueller Perspektive und kollektiver Bedeutung. Es bleibt eine sich ständig weiterentwickelnde Plattform für gemeinsames Geschichtenerzählen, die offen ist für Erweiterungen durch neue Beiträge und Interpretationen aus aller Welt.

"Tiles & Tales" © Anastasiya Saparava, 2024

Grafikdesign, 2024
Grafik-Design und Fotografie