Bei unserem Besuch im hello yello Velodrom haben wir den Dialog, den wir bei großer Hitze und kühlen Getränken mit Johannes Staudinger am 24.6.2026 geführt haben, anhand der Fragen, die wir im Rahmen des Gespräches immer stellen, zu einem Interview zusammengefasst.
forum: Was waren die Beweggründe für die Wahl des Studiums?
Johannes Staudinger: Ich bin im Bezirk Perg aufgewachsen, und mein Vater arbeitete in der Voest in Linz. Ursprünglich sollte ich in seine Fußstapfen treten – also in die Stahlindustrie. Ich habe eine HTL für Maschinenbau absolviert. Danach bin ich als Stahlbaukonstrukteur in den Beruf auch in der Voest eingestiegen.
Kolleg*innen von mir sind direkt studieren gegangen, und ich habe mich gefragt: Warum nicht ich? Durch meine Tätigkeit habe ich von der Stahlstiftung erfahren und habe nach zwei Jahren Berufserfahrung meinen Vorgesetzten gefragt, ob ich die Chance bekommen könnte, über diese Stiftung zu studieren. Er hat zugestimmt – und so startete ich 1996 den Studiengang Medientechnik & Design in Hagenberg.
Dort hat mich besonders die Medientheorie fasziniert. Das war für mich der spannendste Teil – auch wenn der Studiengang damals sehr praxisorientiert war: Websites, CD-ROMs, DVDs programmieren. Ich habe das Studium durchgezogen, obwohl es nicht immer einfach war. Später bin ich dann noch an die Kunstuniversität Linz, um Medienkulturen und Kunsttheorien (MKKT) zu studieren. Da war ich schon über 30, aber es hat sich gelohnt – einfach, weil es mich intellektuell bereichert hat.
forum: Du hast ja nicht so eine klassische Berufslaufbahn und auch während deiner Studien immer viel anderwärtiges Engagement gehabt. Wie ist es dir während, nach und parallel zu deinen Studien gegangen?
Johannes Staudinger: In Hagenberg war es eine Mischung aus Faszination und Frustration. Die Medientheorie hat mich wirklich mitgenommen – das war für mich der Kern des Studiums. Gleichzeitig war der Studiengang sehr technisch und praxisbezogen: Programmieren, Webdesign, Multimedia-Projekte. Das war in Ordnung, aber ich hätte mir mehr Raum für theoretische Reflexion gewünscht.
Nach der FH Hagenberg bin ich bei Engel in Schwertberg gelandet, wo ich Lern-DVDs für Maschinenbau produziert habe – eine Mischung aus meinem technischen Hintergrund und den neuen Medien. Danach ging es ins Marketing bei einem Kunststoffbetrieb, ebenfalls in Schwertberg.
Parallel dazu habe ich an der Kunstuni 2007 zu studieren begonnen. Hier war es anders als in der FH. Ich studierte zuerst bei Karin Bruns, die ja leider dann verstorben ist und dann bei Ramon Reichert und Robert Pfaller. Die Diskussionen, der Austausch mit Kommilitonen – das war bereichernd. Allerdings war ich auch schon in einem Alter, in dem ich nicht mehr der klassische Student war, das hat mich aber nicht gestört, ich bin gerne mit den jüngeren Studierenden im Austausch gewesen. Ich habe nebenbei auch noch als Assistent bei Robert Pfaller gearbeitet, was mir sehr getaugt hat.
Auch merkte ich: Theorie allein war nicht mein Ding – ich wollte selbst Kunst und Installationen schaffen. 2009 nahm ich mit meiner Installation “Die letzte Nachricht” bei Best off 2009 teil. Martin Hochleitner (damals war er Leiter der Landesgalerie Linz am OÖ Landesmuseum) zeigte Interesse, doch aus einem geplanten Treffen wurde nichts. Trotzdem: Es war eine tolle Zeit, voller Spaß und kreativer Energie.
Das Problem war am Ende die Masterarbeit. Ich hatte alle ECTS-Punkte beisammen, dann ist Reichert nach Wien gegangen und ich habe die Fristen einfach nicht geschafft. Später habe ich noch versucht, auf ein PhD-Studium umzusteigen, aber nach sieben Jahren Inskription, kam ich mir schon ein wenig wie ein Kunstuniinventar vor - und nachdem ich bereits über die FH einen akademischen Titel hatte, habe ich abgebrochen.
Insgesamt war es eine sehr fordernde Zeit, Studieren, Arbeiten und Assistenz unter einem Hut zu bringen.
Ich war dann Anfang 40, hatte genug von Jobs, die mich nicht erfüllt haben, das Studium hat mich „aufgepumpt“, ich wollte mehr als nur für andere arbeiten. Also habe ich gekündigt – ohne Plan.
Zum Glück konnte ich später nochmals über die Stahlstiftung Fuß fassen und habe bei einem Freund in einem Trainingsunternehmen angefangen. Dort habe ich mir Trainer-Skills angeeignet.
2016 habe ich dann einen Job in der Telekommunikation als Trainer bekommen. Sechs Jahre lang bin ich durch Österreich gefahren und habe Service-Mitarbeiter geschult – wie man Telefone bedient, damit sie, wenn sie schon durch deren Arbeitgeber überwacht werden, gute Daten liefern. Das war inhaltlich nicht die große Erfüllung, aber der Job hat mir Sicherheit gegeben, 6 Jahre lang.
Kurz vor diesem Job habe ich 2015 den Verein Velodrom Linz – Verein für Sport und Kultur gegründet.
Dazu muss vielleicht gesagt werden, dass ich als Kind schon in einem Radclub war, und mich das Radfahren schon ein Leben lang begleitet und es mir wahnsinnig taugt. Nach einem inneren Resümee, was mir am meisten gefällt, ist das Radfahren an erster Stelle gestanden, deshalb die Vereinsgründung.
Weiters war in meiner Jugendzeit der Kulturverein Kanal in Schwertberg sehr prägend für mich. Dieses kulturelle Engagement begleitet mich seitdem parallel zu meinem ganzen Lebensweg.
Ich hatte auch 2003 das Plattenlabel, „Merker TV Records“, gegründet und wir haben Musik gemacht, u.a. mit Huckey von Texta und Jiri von Porn to Hula. Und nachdem wir für unsere Musik nicht viel von der AKM bekamen, haben wir Fotobücher produziert. Hier wurden von der BILDRECHT mehr Tantiemen ausbezahlt.
Deshalb auch die Erwähnung von Kultur im Subtitel, das habe ich für unseren Verein Velodrom Linz immer mitgedacht.
Anfangs haben wir Veranstaltungen gemacht, die ersten waren in Kooperation mit dem Kunstmuseum Lentos, weiters dann Diskussionen, kleine Ausstellungsformate und kleine Touren. Wir haben immer versucht, möglichst viele Menschen anzusprechen.
Inzwischen, hier im hello yellow Velodrom, haben wir Kooperationen mit dem Festival der Regionen und FMR gemacht. Mit dem Moviemento gemeinsam zeigen wir Filme, bei welchen natürlich das Radfahren eine erhebliche Rolle spielt. Für mich ist das Velodrom nicht nur eine Sportstätte, sondern auch ein kultureller Ort – ein Raum für Begegnungen, Diskussionen und kreative Ideen.
Zurück zu den Anfangszeiten des Vereins: Auf die Frage, warum heißt der Verein Velodrom Linz, wenn ihr kein Velodrom habt, haben wir entgegnet, damit wir eins kriegen.
2018 beschloss ich, eine Radtour durch Europa zu 20 Velodromen zu machen und Expertise einzuholen. Evelyn, meine Lebensgefährtin, hat mich sehr dabei unterstützt. In 2 Monaten absolvierte ich dann 5000 km zu 20 Velodromen und hatte unzählige Termine und Gespräche. Ich erhielt einen großen Wissensschatz.
Wieder in Österreich zurück, veranstaltete ich eine kleine Vortragsreihe.
2019 bekam ich, für mich völlig unvorbereitet, eine E-Mail von Gerd Schachermayer, der dem Radsport in jeder Form sehr zugetan ist, bekommen, er wolle sich mit mir treffen und er würde gerne über meine Tour reden. Bei einem weiteren Treffen habe ich ihm dann mögliche Betriebsmodelle präsentiert. Zwei Monate später hat er angerufen und hat gesagt, Herr Staudinger, ich hab das Velodrom bestellt. Auch der Bau ist dann Schlag auf Schlag gegangen. Das war echt ein Wahnsinn.
forum: wie hat sich dann deine Tätigkeit entwickelt und was sind deine Schwerpunkte in der aktuellen Arbeit?
Johannes Staudinger: Dann war es fertig. Nach anfangs ehrenamtlicher Betreuung, noch neben meinem Trainerjob, stellte sich schnell heraus, dass das Interesse so nicht zu bewerkstelligen war und so konnte ich mich für den Job beim hello yellow Velodrom bewerben. Heute arbeite ich vier Tage die Woche für die Firma Schachermayer – einem Linzer Unternehmen mit 1000 MA - an diesem Standort. Ich bin im Konzernmarketing angesiedelt, mein Job ist eine Mischung aus Administration, Programmgestaltung und Öffentlichkeitsarbeit für das Velodrom Linz. Ich organisiere Einführungskurse, verwalte Anfragen, koordiniere Veranstaltungen und bin Ansprechpartner für alles, was mit der Radrennbahn zu tun hat, auch Wartung, Instandhaltungen, gebe selbst Einschulungen und veranstalte Trainings.
Gleichzeitig bin ich im Verein Velodrom Linz aktiv. Wir veranstalten die Kirschblüten-Radklassik, Touren zu historischen Themen – zum Beispiel die Tour Gino Bartali zur Befreiungsfeier nach Mauthausen, oder das Projekt “Touren von Willy-Fred" im Zuge der Europäischen Kulturhauptstadt Salzkammergut 2024.
forum: Wie gestaltest du deinen Arbeitsalltag, wenn z. B. mehrere Jobs (Brotjob vs. Kunst) zu erledigen sind?
Johannes Staudinger: Ich habe mir bewusst eine 4-Tage-Woche bei Schachermayer ausgesucht. Montag bis Donnerstag arbeite ich im Büro – und am Wochenende bin ich meistens ehrenamtlich für den Verein unterwegs. Das ist anstrengend, aber es funktioniert.
Mein Alltag ist eine Mischung aus Planung und Spontanität. Fürs Velodrom habe ich klare Aufgaben: Anfragen bearbeiten, Termine koordinieren, Programme planen. Beim Verein geht es mehr um Projektarbeit – mal organisieren wir eine Veranstaltung, mal müssen wir dringend etwas reparieren, mal gibt es eine spontane Anfrage für eine Kooperation.
Wichtig ist für mich, dass ich beides trenne, aber auch verbinde. Der Job gibt mir die finanzielle Sicherheit, der Verein gibt mir die Erfüllung. Und oft überschneiden sich die Welten: Wenn ich zum Beispiel für das Velodrom eine Kulturveranstaltung organisiere, dann fließt da auch meine Erfahrung aus dem Studium und meiner künstlerischen Vergangenheit ein.
Ich bin kein Typ, der stundenlang am Schreibtisch sitzt. Ich brauche Abwechslung, Bewegung, Menschen um mich herum. Und genau das habe ich jetzt: einen Job, der mich strukturiert hält, und ein Projekt, das mich begeistert.
forum: Welche Ziele und Erwartungshaltungen gibt es in der Zukunft?
Johannes Staudinger: Mein großes Ziel war immer: Ein Velodrom für Linz. Und das haben wir jetzt! 2022 wurde die Bahn eröffnet – eine 200-Meter-Holzbahn mit 45-Grad-Steilkurven, gebaut von der deutschen Firma Velotrack. Das war ein langer Weg: von der Vereinsgründung 2015 über meine Europa-Tour 2018 bis zur Realisierung seitens Schachermayer.
Jetzt geht es darum, das Velodrom lebendig zu halten. Wir wollen mehr Veranstaltungen, mehr Kooperationen – mit Schulen, mit Künstlerinnen und Künstlern, mit Sportvereinen. Ein Traum wäre es, wenn wir irgendwann Europameisterschaften ausrichten könnten. Persönlich möchte ich weiterhin die Verbindung von Sport und Kultur stärken.
Und natürlich: Ich will weiter radeln. Nicht nur auf der Bahn, sondern auch auf der Straße. Mein nächstes großes Vorhaben? Vielleicht eine neue Tour – aber diesmal nicht allein, sondern mit anderen.
Momentan bin ich sehr zufrieden. Nicht, weil alles perfekt ist, sondern weil ich das Gefühl habe, dort angekommen zu sein, wo ich hinwollte.
Ich habe einen Job, der mich auslastet, aber nicht überfordert. Ich habe ein Projekt – das Velodrom –, das mir am Herzen liegt und das ich mitgestalten kann. Und ich habe Menschen um mich herum, die ähnliche Interessen teilen.
Natürlich gibt es auch Stress: Wenn ich am Wochenende eine Veranstaltung organisiere und gleichzeitig im Büro noch dringende Mails beantworten muss, dann ist das anstrengend. Aber es treibt mich an, statt mich zu lähmen.
forum: Employability rückblickend: Wie bereitet das Studium an der Kunstuni auf den Arbeitsmarkt, das Leben danach vor?
Johannes Staudinger: Das Studium an der Kunstuni hat mir kein klassisches Berufsprofil gegeben – und das ist auch gut so. Es hat mir etwas viel Wichtigeres mitgegeben: eine bestimmte Denkweise. Und es hat mich bereichert.
Ich habe gelernt, kritisch zu hinterfragen, Zusammenhänge zu erkennen, mich mit komplexen Themen auseinanderzusetzen. Das hilft mir heute in jedem Bereich – ob ich jetzt eine Veranstaltung plane, ein Konzept für das Velodrom schreibe oder mit Künstlern über Projekte diskutiere.
Allerdings: In der klassischen Arbeitswelt wird so ein Studium oft nicht direkt gewürdigt. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass Arbeitgeber manchmal nicht wissen, was sie mit einem Absolventen der Medienkultur und Kunsttheorien anfangen sollen. Man wird schnell als „Querdenker“ oder „Exot“ abgestempelt – und das ist nicht immer positiv gemeint.
In Betrieben, in denen es um klare Abläufe und Hierarchien geht, kann das schwierig sein. Ich habe selbst erlebt, wie Kollegen, die neben ihrem Job studiert haben, plötzlich als „Störfaktor“ wahrgenommen wurden – einfach, weil sie andere Ideen einbrachten, die nicht in die bestehende Struktur passten.
Aber: Genau das ist der Wert eines solchen Studiums. Es bereitet einen nicht auf einen bestimmten Job vor, sondern darauf, flexibel zu sein, sich weiterzuentwickeln, neue Wege zu gehen. Und das ist in einer sich ständig wandelnden Arbeitswelt vielleicht der beste Schutz vor Arbeitslosigkeit.
Dieses Interview wurde aufgrund der Tonaufnahmen der Veranstaltung teilweise mithilfe von KI erstellt und durch den Gastgeber Johannes Staudinger freigegeben.
Details zur Veranstaltung: kunstuni-linz.at/Archiv