Wir trauern um Helmut Lethen, der am 13. August im Alter von 87 Jahren verstorben ist. Er war von 2007 bis 2016 Direktor des ifk, währenddessen und danach lehrte er an der Kunstuniversität Linz an der Abteilung Kulturwissenschaft. Wir denken an seine Familie und wissen, dass viele Freundinnen und Freunde, Kolleginnen und Kollegen sowie ehemalige Studierende ihn schmerzhaft vermissen werden.
Hörbares Staunen. Zum Tod von Helmut Lethen
Helmut Lethen vertraute dem Vorgang der Selbstkorrektur nicht. Die Beziehungsform, die er innerhalb und außerhalb der wissenschaftlichen community pflegte, ließe sich charakterisieren als: sich verbinden, um korrigiert zu werden. Begegnungen waren für ihn Gelegenheiten zu lernen, egal ob es sich um Begegnungen mit Menschen, oder um solche mit Texten handelte.
Für beides boten sich ihm während seiner Amtszeit als Direktor des ifk (von 2007 bis 2016) zahlreiche Gelegenheiten. Die Junior Fellows waren ihm dabei besonders wichtig. An einem überraschenden Gedanken konnte er sich immer erfreuen, aber ins Schwärmen kam er, wenn er die vielseitigen Talente der Promovierenden schilderte, die er zu einer Suppe und zu Diskussionen ihrer und anderer Texte traf. Viele hat er ermutigt, ihren eigensinnigen Interessen zu folgen und Skepsis gegenüber institutionellen Erfordernissen zu kultivieren. Das mag für prekär Lebende manchmal aus dem Mund eines Angekommenen zynisch geklungen haben, aber bei Helmut Lethen war der Gestus aufgrund seines langen Aufenthalts an der Peripherie der akademischen Institutionen authentisch – soweit man das bei jemandem, der das Authentische kritisch befragte, sagen kann.
Nach einem Studium in Berlin ging Helmut Lethen 1977 in die Niederlande nach Utrecht, denn durch den Radikalenerlass war dem ehemaligen studentischen Aktivisten eine universitäre Laufbahn in Deutschland versperrt. Erst 1995 – er war schon über 55 – kam dann der Ruf an die Universität Rostock, wo er bis 2004 Neueste Deutsche Literatur lehrte. Das comeback wurde durch ein Buch eingeläutet, das die sich damals langsam im deutschsprachigen Raum etablierende Kulturwissenschaft geprägt hat: Verhaltenslehre der Kälte. Lebensversuche zwischen den Kriegen, erschienen 1994. In der neusachlichen Literatur spürte Helmut Lethen dem Motivkomplex der Verhaltensregulierung durch Selbstdistanzierung nach, der linke und rechte Autoren, experimentelle und konventionelle, literarische und philosophische – von Bertolt Brecht über Walter Serner bis Ernst Jünger oder Carl Schmitt – verband. Das Interesse an Bewegungsimpulsen von außen mag durch die eigene Erfahrung grundiert worden sein. Der Vater war ein Kriegsheimkehrer und er selbst diente in der strukturell friedensorientierten Bundeswehr, wo er soldatische Habitusformen am eigenen Leib erfuhr. Es erschöpft sich aber nicht im selbst Erlebten. Auch das Lesen als ein Abstandhalter zur Innerlichkeit, als ein bewusstes Eindringenlassen fremder Erfahrung war für Helmut Lethen eine entscheidende Praxis. Seine autobiografische Skizze von 2012 ist dann auch ein Lektürereport mit dem Titel Suche nach dem Handorakel. Ein Bericht. Er stellte sich damit in eine Reihe mit all jenen, die Baltasar Graciáns Handorakel und Kunst der Weltklugheit, einen höfischen Verhaltensratgeber des spanischen 17. Jahrhunderts, gelesen hatten. Im 20. Jahrhundert waren das Intellektuelle quer durch das ganze politische Spektrum, deren Unheimlichen Nachbarschaften (2009) er nachspürte. Warum er nicht deutlicher die Grenzen zu seinen reaktionären Nachbarn ausschilderte und Frauen in seinen Studien weitgehend fehlten, darüber haben wir uns oft kontroversiell ausgetauscht. Die Kritik war ihm immer willkommen, der Sound der Väter (2006) dann aber wohl doch stärker.
Helmut Lethens Beschäftigung mit der Fotografie und Kulturen der Evidenz, einem der Schwerpunktthemen am ifk, eröffneten ihm den Anschluss an die Medienwissenschaft und an künstlerische Praktiken. Für sein Buch Der Schatten des Fotografen erhielt er 2014 den Preis der Leipziger Buchmesse. In diese Zeit fiel auch das Andockmanöver des ifk an die Kunstuniversität Linz, das Helmut Lethen umsichtig begleitete. Insgesamt hat Helmut Lethen zehn Monographien verfasst, zuletzt eine Autobiografie mit dem schelmischen, von Bertolt Brecht geliehenen Titel Denn für dieses Leben ist der Mensch nicht schlau genug (2020) und zwei weitere, die sich im Resonanzraum moralischer und politischer Fragen bewegen: Der Sommer des Großinquisitors. Über die Faszination des Bösen (2022) und Stoische Gangarten (2025).
In Helmut Lethens Büchern gibt es einen Generalbass, der von kindlicher Kriegserfahrung, jugendlichem Aktivismus, einem instinktiven Sich-Aufbäumen gegen Dogmatismus und einem tiefen Misstrauen gegenüber zu raschem Konsens zeugt. Aber dazu kommen variantenreiche Melodielinien: seine nie enden wollende Neugierde und Begeisterungsfähigkeit, vielfältige Sinnesfreuden, ein Erschrecken vor dem Empathieverlust und der Sprachlosigkeit des Schmerzes – die Suche nach Reibung mit der Wirklichkeit.
Mit Helmut Lethen hat die Kulturwissenschaft einen Forscher verloren, für den der Umgang mit symbolischen Formen kein Glasperlenspiel war, sondern eine Lebensweise und ein Ringen um Relevanz. Seine Leidenschaft für das Selberdenken hat Helmut Lethen in der Lehre, in seinen Büchern und in einem breiten Strom von Gesprächen mit ganz verschiedenen Leuten weitergegeben. Diese Gespräche werden weitergehen, ohne seine Stimme, in der so oft Überraschung und Staunen körperlich anwesend waren.
Karin Harrasser
Direktorin ifk