Ausstellung von 18. bis 20. Juni 2026
Kunstuniversität Linz, Keller, Hauptplatz 8, 4020 Linz
Eine Aussicht bezeichnet eine Zukunftshoffnung, eine Perspektive als auch das, was sich von einem bestimmten Punkt aus erblicken lässt. Was diese Aussicht beinhaltet, wird dabei stark durch die gegenwärtige Situation des jeweiligen Subjekts bestimmt.
Mit der Ausstellung “Aussicht nach Plan” eröffnen wir den Blick auf die Mittel und Werkzeuge, mit denen systematisch versucht wurde, spezifische Zukünfte zu setzen und andere Zukünfte auszuschließen. Im Fokus stehen die DDROrte Eisenhüttenstadt und Hoheneck. Eisenhüttenstadt ist die erste sozialistische Planstadt, Hoheneck die größte Frauenhaftvollzugsanstalt der DDR. Doch was ist mit Zukünften eigentlich gemeint?
In der Zukunftsforschung werden Zukünfte als Zeitlichkeiten gefasst, die nicht einfach gegeben sind, sondern durch individuelle und kollektive temporale Praktiken, Beziehungen und Formen aktiv hervorgebracht werden (vgl. Kitchin 4). Temporalitäten sind verkörpert, situiert, materiell und erfahrungsbezogen; sie entstehen im Tun einzelner, verflechten sich mit den Zeitlichkeiten anderer und werden zugleich durch institutionelle Arrangements sowie mediale Technologien und Systeme strukturiert (Grant et al., 2015; Sharma, 2014; vgl. Kitchin, 4).
Zeitlichkeit lässt sich so als komplexes Gefüge verstehen, dass sich einer vollständigen Steuerung durch politische Systeme entzieht. Dennoch prägen die systematischen Einflussnahmen unsere Zukunftsaussichten und -hoffnungen (future imaginaries) erheblich. Die Beziehungen, die wir zu möglichen Zukünften unterhalten, werden dabei grundlegend von Vergangenheit, Gegenwart und den Relationen, die sich über diese Zeitlichkeiten hindurch verstricken, bestimmt. Ein „Neuanfang“ in einer Planstadt setzt voraus, dass Bewohner_innen in räumliche Distanz zu ihrem bisherigen Lebensumfeld treten. In Hoheneck wiederrum wurden durch den willkürlichen Entzug von Briefen und Erinnerungsstücken die Beziehungen zur Außenwelt - und damit ein „vergangenes Leben“ bewusst destabilisiert. Was sich in diesem Nachdenken über Zukünfte zeigt, ist, dass Zukunft nicht ohne zwischenmenschliche Verbindungen zu denken ist, gleich welcher Zeitlichkeit diese entstammen. So wird keine staatliche Regulierung, wie rigide sie auch sein mag, das menschliche und mehrals- menschliche In-Beziehungtreten unterbinden können.
Mit der Ausstellung „Aussicht nach Plan“ richten wir den Blick sowohl auf die Objekte staatlicher Zukunftsversprechungen als auch auf die Mittel und Werkzeuge, mit denen spezifische Zukünfte etabliert werden. Die künstlerischen Arbeiten der Studierenden suchen zugleich jene Offenheit und Unbestimmtheit, aus der selbst unter repressiven Bedingungen neue Beziehungsgeflechte hervorgehen. (Carolyn Amann).
Institutsübergreifende Kooperation der Abteilungen Kulturwissenschaft / Künstlerische Praxis / Künstlerische Wissenspraktiken unter der Leitung von von Carolyn Amann, Martin Höfer und Franziska Schink.
LV 420.123 / LV 470.023 / LV 123.020
sozial/asozial
Kara Musch
Der Werktitel sozial/asozial verweist auf § 249 des Strafgesetzbuches der DDR, den sogenannten „Asozialenparagraphen“. Unter dem Vorwurf der „Asozialität“ konnten Menschen kriminalisiert und inhaftiert werden. Die hängend installierte Stasi-Akte bildet räumlich eine Untersuchungshaftzelle nach und thematisiert die Praxis, politischen Gefangenen ein angeblich asoziales Verhalten nachzuweisen, um ihre Verfolgung und Inhaftierung zu legitimieren. Durch ein Guckloch in der Akte eröffnet sich der Blick auf eine Collage aus Eindrücken der Haftanstalt Hoheneck, dem größten Frauengefängnis der DDR.
Ein roter Faden durchzieht die Arbeit und zeichnet den Weg nach, der vielen Menschen nach der Untersuchungshaft bevorstand: den Übergang in die Haft und die damit verbundene staatliche Vorstellung von „Resozialisierung“. Die Installation macht die Mechanismen politischer Repression sichtbar und verweist auf die Folgen eines Systems, das die gesellschaftliche Anpassung als Maßstab für Zugehörigkeit und Ausgrenzung nutzte.
Kara Musch *2001, Salzburg (AT), studiert seit 2021 den Bachelor Pädagogik an der Paris-Lodron-Universität Salzburg.