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VORTRAG

Hee-Hawing Democracy: Somatic Articulations Beyond the Logos

10. Juni 2026, 17.00 Uhr Kunstuni Linz, Hauptplatz 8, 4020 Linz (Lecture Hall F - H8.05.03)

Die Professur für Wissensgeschichte und das ERC-Projekt OLFAC laden zur Vorlesung mit Bettina Wuttig (Universität Marburg).

Vor dem Hintergrund der Kritik am cartesianischen Dualismus, die von Wissenschaftler*innen der Sinnesforschung und (feministischen) Phänomenolog*innen formuliert wurde, befasst sich dieser Vortrag mit dem hartnäckigen Mythos einer Trennung zwischen Innen- und Außenwelt, Privatem und Öffentlichem, sensus und logos.

Diese Zweiteilungen haben ein Ideal der deliberativen und repräsentativen demokratischen Interaktion innerhalb von Institutionen als “körperlos” gefördert. Indem radikale demokratische Theorien auf die Wissensproduktion in den Soma-Studien (Wuttig 2016; 2022) und den Sinneswissenschaften ausgerichtet werden und der Fokus auf kritischer ontologischer Politik liegt, lädt dieser Vortrag dazu ein, demokratische Begegnungen in Institutionen als Zonen affektiver, sensorischer, energetischer und verkörperter Übertragungen neu zu konzeptualisieren (siehe auch Seyfert 2011).

Das Verständnis demokratischer Interaktionen als multisensorisch und verkörpert fördert mehr-als-menschliche Artikulationen und Darstellungen, die aus dem logos-zentrierten und anthropozentrischen demokratischen Diskurs ausgeschlossen wurden. Dieser Vortrag zielt darauf ab, das Verständliche in den Sinnen und im Körper zu verorten: Wie helfen multisensorische und verkörperte Ansätze dabei, die hierarchische (Vor-)Strukturierung politischer Felder zu identifizieren? Genauer gesagt: Wie wird die sensorische Erfahrung von (Un-)Behaglichkeit auf nicht-semantische Weise artikuliert? Da (Un-)Behaglichkeit auf hegemoniale Strukturen hinweist, die bestimmte Gruppen gegenüber anderen privilegieren (siehe Ranciere 2008), ist es entscheidend, diese somatischen Ausdrucksformen verständlich zu machen.

Die Verständlichmachung somatischer und affektiver Ausdrucksformen – wie Lächeln, Atem anhalten, Synchronisation von Bewegungen, Kratzen, Fliehen, Zittern oder Hee-Hawing –, die eher gefühlt als kognitiv wahrgenommen werden, kann die Verflechtung der inneren und äußeren Welt der Demokratie offenbaren und über das Individuum hinaus zum Mehr-als-Öffentlichen gelangen.

Bettina Wuttig ist Professorin an der Philipps-Universität Marburg. Sie hat einen Lehrstuhl für Bewegungspsychologie am Institut für Erziehungswissenschaft inne und ist die Gründerin der Soma-Studien, eines Forschungsgebiets, das sich mit somatischen Aspekten der Subjektivierung und der Verflechtung von Körpern und sozialer Hegemonie befasst. Ihre aktuellen Forschungsinteressen sind: Theorie der radikalen Demokratie in Bezug auf die Konfiguration der Sinne, Gender- und Behindertenstudien, Mensch-Maschine-Interaktionen in Bewegungspraktiken, (Auto-)Ethnografische Bewegungs- und Tanzforschung, Körperpsychotherapie.

 

Alle Termine der Vortragsreihe “The Senses in Performance”: 

11. März 2026
Introduction by OLFAC – Silke Felber, Freda Fiala and Julia Ostwald

25. März 2026
320 GB im Rucksack – der physische Aspekt digitaler Kunst über Gletscher
Tina Frank (Visual Communication, University of Arts Linz) &
Alexis Dworsky (Media Design, University of Arts Linz)

15. April 2026
Dis_sensual – A crip choreographer’s re-distribution of the sensible
Michael Turinsky (Artist, Vienna)

22. April 2026
Performing Snakes in Modernity and Today
Nicole Haitzinger (Dance Studies, University of Salzburg) &
Christina Gillinger (Tanzquartier Vienna TQW)

29. April 2026 
Lingering with Bass (2024, Steve McQueen)
Ulrike Hanstein (VALIE EXPORT Center, University of Arts Linz)

6. Mai 2026
Sinn für Unlösbares
bankleer – Karin Kasböck & Christoph Maria Leitner

13. Mai 2026
Mimi o Sumasu – the Very Act of Listening
Miya Yoshida (Artistic Research, University of Applied Arts Vienna)

20. Mai 2026
Tasting skin. On chilis and chills
Karin Harrasser (Cultural Studies, University of Arts Linz and Director of
ifk – International Research Center for Cultural Studies)

27. Mai 2026
Olfactory Violence and the Freedom to Speak: Stink Bombs in Interwar Europe
William Tullett (Early Modern History, University of York)

3. Juni 2026
Sensing the Atmospheres of Painters’ Studios in Nineteenth-Century France
Erika Wicky (Olfactions, Université Grenoble Alpes)

10. Juni 2026
Hee-Hawing Democracy: Somatic Articulations Beyond the Logos
Bettina Wuttig (University of Marburg)

17. Juni 2026
Greetings from the Swamp
Maria Nalbantova (Artist, Sofia)

24. Juni 2026
A loving ear – toward a poetic ecology of feeling
Brandon LaBelle (Independent Researcher, Berlin)